Prof. Dr. Johannes Merkel: Orientalische Erzähltraditionen – 2. Abend „Shehrezads unbekannte Schwestern“



19:00 - 21:00 Uhr // TTZ Marburg

Eintritt:

Mitveranstalter: bsj Marburg – Zentrum für frühe Bildung; Marburger Literaturforum



Shehrezads unbekannte Schwestern:
Wie Frauen in Häusern und Harems erzählten

Erzählen bedeutete in historischen Zeiten in allen islamischen Ländern mehr als Unterhaltung. Es wurde öffentlich vorgetragen und erzeugte Öffentlichkeit. Aufgrund der strikten Trennung der Lebensbereiche von Männern und Frauen blieb die Öffentlichkeit der Märkte, Straßen und Kaffeehäuser jedoch ausschließlich den Männern vorbehalten.

Den (meist männlichen) Orientalisten Europas, die im Gefolge der Begeisterung für 1001 Nacht die orientalischen Kulturen erforschten, blieb es lange verborgen, dass überall auch eine in Haushalten und Harems ausgeübte Erzählkunst lebte, die ausschließlich von Frauen und Kindern ausgeübt wurde. Dort wurde zwar ähnlich kunstvoll und phantasiereich erzählt, gängige Geschichten wurden aber anders und häufig ganz andere Geschichten erzählt, in denen Frauen die „Helden“ stellten, sich gegenüber Männern behaupteten oder sich gar in Männerkleidung heldenhafter als Männer erwiesen. In der Abgeschiedenheit der Harems konnte diese Erzähltradition länger überdauern als die Auftritte der Berufserzähler.