Vortrag Prof. Dr. Jens Holst: Global Health – zwischen biomedizinischer Gesundheitssicherheit und gesellschaftspolitischer Herausforderung



20:00 - 22:00 Uhr // TTZ Marburg

Eintritt: frei

Mitveranstalter: Weltladen Marburg, Arbeit und Leben, vhs Marburg


Vortrag Prof. Dr. Jens Holst: Global Health – zwischen biomedizinischer Gesundheitssicherheit und gesellschaftspolitischer Herausforderung


Veranstaltungsreihe “Globale Gesundheit”

Vortrag und Diskussion mit Prof. Dr. Jens Holst (Professor für Medizin mit Schwerpunkt Global Health, Hochschule Fulda)

Globale Gesundheit, Global health, steht nicht erst seit dem Ausbruch des SARS-CoV-2-Virus weit oben auf der politischen Tagesordnung. Die COVID-19-Pandemie hat das allgemeine Interesse bzw. Bewusstsein für die globale Gesundheit zuletzt erheblich gesteigert, dabei allerdings auch die erkennbare Schlagseite im Verständnis von globaler Gesundheit verstärkt. Als länderübergreifende, komplexe und multidisziplinäre Disziplin geht Global Health weit über Seuchenbekämpfung und Krankheitsvermeidung hinaus und erfordert die Auseinandersetzung mit einer Vielzahl kultureller, gesellschaftlicher, politischer, ökonomischer, Umwelt- und anderer Faktoren, die alle wesentlichen Einfluss auf die Gesundheit der Menschheit haben.

Eine primär biomedizinische Sichtweise von globaler Gesundheit wird dieser Komplexität nicht ansatzweise gerecht. Dies zeigte sich mit besonderer Deutlichkeit während der COVID-19-Pandemie. Wissenschaft, Politik und Medien ließen nicht-biomedizinische gesundheitswissenschaftliche Aspekte lange Zeit außer Acht. So dauerte es hierzulande 14 Monate, bis das erhöhte Erkrankungs- und Sterberisiko einkommensschwacher und bildungsferner Sozialschichten in das Blickfeld geriet. Zuvor hatten Virolog*innen und traditionelle Epidemiolog*innen die Debatte über den Umgang mit der Pandemie bestimmt. Gesellschaftliche, sozialepidemiologische und andere nicht-medizinische Betrachtungen oder daraus abgeleitete Kritiken an COVID-19- Strategien und am dominanten Diskurs fanden weder in der Politik Gehör noch Eingang in die Leitmedien. Vertreter*innen der öffentlichen Gesundheit, sei es beim Öffentlichen Gesundheitsdienst oder in den akademischen Gesundheitswissenschaften bzw. der Global-Health-Bewegung, ließen sich vom herrschenden Diskurs davon abhalten, der biomedizinischen Dominanz etwas entgegenzusetzen und Grunderkenntnisse ihrer Praxis und Theorie angemessen in den Ring zu werfen. Dabei belegt auch COVID-19 eindrücklich die große Bedeutung der gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und sonstigen nicht-medizinischen Determination von Gesundheit.

Dennoch erkennen viele bis heute die Pandemie nicht als gesellschaftspolitische Herausforderung, sondern als Sicherheitsbedrohung. Die Versicherheitlichung von Gesundheit basiert dabei auf einem biomedizinischen Reduktionismus, denn sie bezieht sich praktisch ausschließlich auf die Bedrohung durch Krankheitserreger oder ggf. durch biologisch-chemische Waffen. Solange die Gesundheitspolitik aber die Bedrohung durch soziale Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten nicht in Betracht zieht, kann sie ihrer Kernaufgabe, die Bevölkerungsgesundheit zu erhalten und zu verbessern, nur reaktiv, aber nicht präventiv nachkommen.

Prof. Dr Jens Holst ist Mediziner und Journalist. Er ist Professor für Medizin mit Schwerpunkt Global Health am Fachbereich Pflege- und Gesundheit, Leiter des zweisprachigen Bachelor-Studiengangs „Internationale Gesundheitswissenschaften“

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